HEPATITIS E (HEV) – die unterschätzte Infektionskrankheit

Ein Interview mit Prof. Dr. Heiner Wedemeyer, Leiter der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie der Medizinischen Hochschule Hannover

von Milena Karlheim (RG Niedersachsen)

Die Hepatitis E ist vielen Menschen noch unbekannt. Gerade für immunsupprimierte Patientinnen und Patienten birgt sie jedoch ein Risiko. In seltenen Fällen kann diese Form der Leberentzündung chronisch verlaufen und zur Leberzirrhose bis hin zum Leberversagen führen.

Um ein wenig Licht ins Dunkle zu bringen, habe ich ein Online-Interview mit Herrn Prof. Dr. med. Heiner Wedemeyer, Leiter der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie der Medizinischen Hochschule Hannover, durchgeführt, das im Folgenden zusammengefasst wird.

Vorkommen
Früher vorrangig als Reisekrankheit angesehen, kam die Hepatitis E insbesondere in Indien vor. Hierbei handelt es sich um den Genotyp 1.
Vor 10-15 Jahren hat sich das jedoch grundlegend geändert. Es wurde realisiert, dass die Hepatitis E in Deutschland viel häufiger vorkommt, als gedacht. Wobei hier nicht der Genotyp 1 sondern der Genotyp 3 vorliegt. Dieser findet sich vorrangig in Schweinefleisch. Würde man in Hannover zu einem Metzger gehen, läge die Wahrscheinlichkeit bei 5-50 %, dass das Fleisch infektiöse Hepatitis-E-Viren nachweist, so Prof. Dr. Wedemeyer.

Im Rahmen einer Gesundheitsstudie an der normalen Bevölkerung wurde geschaut, bei wie vielen Menschen Antikörper gegen Hepatitis E nachgewiesen werden konnten. Das Ergebnis zeigte, dass geschätzt 400.000 Menschen in Deutschland pro Jahr eine akute Hepatitis-E-Virusinfektion durchmachen. Das sind wesentlich mehr als die akuten Infektionen von A, B, C und D. Hepatitis E ist die häufigste Ursache für eine Leberentzündung.

Im Laufe des Lebens ist davon auszugehen, dass jeder Mensch bereits mit HEV in Kontakt gekommen ist – bei gesunden Menschen oftmals unbemerkt oder mit einem milden Verlauf (ähnlich wie eine Magen-Darm-Grippe). Bei der Hepatitis E handelt es sich somit um eine endemische Viruserkrankung.

Risiko für Organtransplantierte
Immungeschwächte Personen haben ein erhöhtes Risiko der chronischen Leberentzündung durch Hepatitis-E-Viren, die zur Leberzirrhose führen kann.

Daher ist es besonders wichtig, Schweinefleisch vor dem Verzehr ausreichend zu erhitzen. 70° Grad mind. 5-10 Minuten. Rohes Thüringer Mett ist absolut tabu.

Neben der Hauptquelle Schweinefleisch wurde sogar im Trink- und Spülwasser HEV nachgewiesen. Im Grunde wurden in jedem Tier schon Hepatitis-E-Viren gefunden, auch Erdbeeren sind im Gespräch. Bei diesen genannten Quellen handelt es sich um seltene Fälle. Prof. Dr. Wedemeyer betont, sich nicht verrückt zu machen, sondern vorsichtig zu sein und aufzupassen.

Bei Patienten, die nicht immunsupprimiert sind, aber eine bestehende Leberzirrhose oder Fettleber nachweisen, könnte dessen Verlauf durch eine zusätzliche Infektion noch beschleunigt werden.

Kann ein Spenderorgan mit Hepatitis E verseucht sein?
Prof. Dr. Wedemeyer weist darauf hin, dass es vorkommen kann, das Risiko aber gering sei. Prinzipiell sind die Organspender gesund und haben ein intaktes Immunsystem. Eine vorherige HEV-Infektion wäre somit ausgeheilt. Daher ist es sehr unwahrscheinlich, dass ein gesunder Mensch an einer chronischen Hepatitis E leidet.

Viel größer ist Wahrscheinlichkeit einer Übertragung von Hepatitis-E-Viren im Rahmen einer Transfusion von Blutprodukten. Diese werden erst seit 2019 auf HEV untersucht. Im Vergleich zu den Jahren davor hat sich die Wahrscheinlichkeit dadurch zum Glück wieder stark verringert. Infektionen, die vor dem Jahr 2019 kurz nach einer Transplantation mit nötigen Bluttransfusionen aufgetreten sind, sind somit wohl den Blutprodukten zuzuschreiben. Heutzutage werden alle Blutspender regelhaft auf HEV getestet.

Doch Prof. Dr. Wedemeyer kann beruhigen: Organtransplantationen sind sehr sicher und Blutprodukte werden regelhaft geprüft.

Diagnostik
Im Allgemeinen werden die Leberwerte auf Hepatitis A, B und C getestet, auf D und E nicht. Bei D handelt es sich um eine Co-Infektion von B, was bedeutet, dass D automatisch ausgeschlossen ist, wenn negativ auf Hepatitis B getestet wurde. Sollte in seltenen Fällen eine Infektion mit Hepatitis D vorliegen, gibt es bereits eine neue Therapie, die vielen Menschen hilft, so Prof. Dr. Wedemeyer.

Erhöhte Leberwerte ohne erkennbaren Grund müssen unbedingt mittels Antikörper-Testung auf HEV geprüft werden. Bei immunsupprimierten Patientinnen und Patienten zusätzlich mit direkter PCR-Testung, um das Virus-Genom nachzuweisen.

Symptome
Erfreulicherweise wird nicht jeder, der das Virus in sich trägt, schwerkrank (ähnlich wie bei dem Corona-Virus). Bei gesunden Menschen, die nicht immunsupprimiert sind, kommt es schätzungsweise bei 3.000 – 4.000 von den o.g. 400.000 Menschen zu schweren Symptomen, ca. 15.000 – 20.000 haben einen milden Verlauf. In den meisten Fällen verläuft die akute Infektion jedoch symptomfrei und oft unbemerkt.

HEV tritt aber nicht nur in der Leber auf. Es können andere Symptome hervorgerufen werden, wie z. B. Nervenentzündungen. Insbesondere der Schulternerv kann betroffen sein, so dass der Arm nicht angehoben werden kann. Hier sollte die Gastroenterologie eng mit den Neurologen zusammenarbeiten.

Verlauf
Wie bereits erwähnt heilt die Infektion bei gesunden Menschen zum größten Teil allein und sogar unbemerkt aus. Immungeschwächte Personen haben ein erhöhtes Risiko der chronischen Leberentzündung. Dieser Verlauf hängt auch von den jeweiligen Immunsuppressiva ab. Während Mycophenolatmofetil (CellCept) sogar entgegenwirken kann, können Tacrolimus (Prograf/Advagraf) und insbesondere Everolimus (Certican) die Infektion eher fördern.

Therapie
Aktuell ist kein Medikament auf dem Markt, das spezifisch für die Hepatitis E zugelassen ist. Es ist bekannt, dass die Substanz Ribavirin gegen HEV wirken kann. Studien aus Frankreich und Deutschland haben gezeigt, dass darunter die Infektionen zu 60 – 80 % unterdrückt werden können. Zur Ausheilung kommt es in den meisten Fällen, wenn die Gabe über drei Monate läuft. Die Nebenwirkungen wie Blutarmut sind aber nicht zu unterschätzen. Bei einer eingeschränkten Nierenfunktion darf zudem nicht zu hoch dosiert werden. Daher wird es oftmals zu schwach eingesetzt und der gewünschte Erfolg auf Heilung bleibt aus.

Im Rahmen einer Studie der Medizinischen Hochschule Hannover wurde den Testpersonen daraufhin das Hepatitis-C-Medikament Sofosbuvir gegeben. Es konnte ein Rückgang der Viruslast verzeichnet werden. Doch auch hier kam es nicht zu einer Ausheilung. Ein letzter Versuch liegt in der Möglichkeit, beide Medikamente, Ribavirin und Sofusbuvir, in Kombination zu geben. Diese Methode muss im Einzelfall individuell entschieden und abgewogen werden.

Die große Aufgabe besteht derzeit darin, nach neuen Substanzen zu suchen.

An anderer Stelle hat Prof. Dr. Eike Steinmann aus Bochum ein großes Screening von 9.000 bestehenden zugelassenen Medikamenten vorgenommen, um herauszufinden, ob ein Medikament unbemerkt gegen Hepatitis E wirken könnte. Darunter wurden wohl einige Kandidaten gefunden. Auch hier heißt es vorerst abwarten.

Große Hoffnung liegt aktuell auf einem geförderten Forschungsprojekt an dem Dr. Patrick Behrendt (MHH) zusammen mit Prof. Dr. Thomas Krey aus Lübeck arbeitet. Es wird geschaut, ob die Möglichkeit besteht, neutralisierende Antikörper gegen Hepatitis E zu entwickeln, die, ähnlich wie bei Corona, gespritzt werden können und somit therapeutisch einsetzbar wären.

Besteht die Möglichkeit einer Impfung?
Ein Impfstoff auf Proteinbasis, der hoch effektiv ist und Chronifizierungen verhindert, ist in China bereits zugelassen, in Deutschland leider nicht. Es gibt derzeit keinen weiteren Impfstoff gegen Hepatitis E, so dass weiter an MRNA-Impfstoffen geforscht wird. In den nächsten Jahren wird es vorerst aber wohl keinen Impfstoff auf dem Markt in Deutschland geben. Die Entwicklung diesbezüglich muss abgewartet werden.

Abschließend betont Prof. Dr. Wedemeyer, dass die MHH für ihre Patientinnen und Patienten kämpft. Deutsche Ärztinnen und Ärzte sind international ganz vorne mit dabei. Erst kürzlich fand ein Austausch mit Ärzten und Virologen aus England und Frankreich statt, die beeindruckt darüber waren, wie die Gruppen aus Deutschland und der Schweiz, sich mit dem Virus beschäftigen. Diese schauen genau hin, um das Hepatitis-E-Virus besser zu verstehen.

Warum kommt das Immunsystem in einzelnen Fällen nicht gegen das Virus an? Warum kann es zu den Schulterentzündungen kommen? Welche neuen Therapien könnten entwickelt werden?

Aktuell stehen noch viele Fragen im Raum, die aber hoffentlich in naher Zukunft beantwortet werden können.

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