39 geschenkte Lebensjahre!  Dr. Ullrich ist der Mensch in Deutschland, der am längsten mit einem einzigen Spenderherz lebt.

von Sandra Zumpfe

17. Mai 1983, Dienstagmorgen – Kinder werden in die Schule oder den Kindergarten gebracht, der ein oder die andere steht im morgendlichen Verkehrsstau auf dem Weg zur Arbeit. Die Nachrichten berichten davon, dass die USA und die Sowjetunion die Gespräche über die Reduzierung der Mittelstreckenraketen in Europa in Genf wieder aufnehmen, im Radio läuft der Nummer 1 Hit „Bruttosozialprodukt“ von Geier Sturzflug. Ich selbst bin zu diesem Zeitpunkt 4 Jahre alt, lebe wie auch jetzt in Haar bei München und ahne noch nicht, dass ich irgendwann einmal auf die Organspende eines anderen Menschen angewiesen sein werden.

Nur 30 km weiter liegt Dr. Bernd Ullrich, zu diesem Zeitpunkt 44 Jahre alt, im OP und erhält das Herz eines 20-jährigen Motorradfahrers, der bei einem tragischen Unfall ums Leben kam. Ein Stückchen Papier weist ihn als Organspender aus.

Aber lassen Sie mich von vorne anfangen.

Herr Dr. Ullrich, Allgemeinmediziner mit eigener Praxis in Landsberg am Lech, steht mitten im Leben. Er ist verheiratet und hat drei Kinder, treibt gerne Sport, wie Tennis oder Skifahren, geht in die Berge oder segeln. Vorrübergehende Atemnot und Leistungsschwäche begründet er mit seinem Übergewicht und dem erheblichen Zigarettenkonsum. An eine ernsthafte Erkrankung hat er selbst nie geglaubt.

Erst als seine körperlichen Beschwerden immer größer werden, sucht er einen Arzt auf – Diagnose dilatative Kardiomyopathie, vermutlich entstanden infolge einer Herzmuskelentzündung. Seine Leistungsfähigkeit nimmt in den nächsten Monaten rapide ab, die Lunge füllt sich mit Wasser, er kann nur noch im Sitzen schlafen, da er Angst hat, zu ersticken. Als er eines Tages gar nicht mehr aufstehen kann, bestellt seine Frau in Absprache mit den Ärzten ein Klinikbett in der Stiftsklinik Augustinum in München. Dort muss er die bittere Wahrheit erkennen – einziger Ausweg ist eine Herztransplantation. Er wird ins Klinikum Großhadern verlegt, Prof. Dr. Bruno Reichhart übernimmt seine Betreuung und auch die Transplantation. Am 17. Mai ist es so weit, das rettende Herz ist da.

Die erste Zeit nach der Herztransplantation ist sehr schwer. Anders als heute, muss Ullrich die ersten 2 Wochen in eine Sterileinheit. Später beschreibt er die Einheit wie eine „kleine Wohnung“ mit Fernseher, Nasszelle und Teeküche, die gleichzeitig Aufenthaltsraum für die anwesenden Schwestern und Ärzte ist. Diese sind in 12-Stunden-Schichten eingeteilt und rund um die Uhr anwesend. Wer zu Ullrich hinein möchte, muss sich duschen und sterile Baumwollkleidung, Clogs, Gummihandschuhe und Mundschutz anziehen, auch für Ärzte und Professoren gibt es keine Ausnahmen. Sogar sein Essen wird in einer Schleuse auf ca. 180 Grad erhitzt und erst dann durchgereicht und auch die morgendliche Zeitung wird tropfnass, in Desinfektionsmittel getaucht, geliefert.

Nach dieser Zeit kam Bernd Ullrich auf die eigentliche Intensivstation, wird aber auch hier in einer Box mit geschlossenen Glaswänden separiert. Die ständige Isolation fordert mit der Zeit seinen Tribut. Ullrich verliert die Nerven, glaubt an einer offenen Tuberkulose zu leiden, weil niemand zu ihm in die Box kommt. Er ist außerdem fest davon überzeugt, dass die Ärzte und Schwestern hinter seinem Rücken über ihn sprechen würden. Er steigert sich in diese Vorstellungen hinein und heult stundenlang vor sich hin. Gutes Zureden, alle Erklärungen sind wirkungslos, erst schwere Beruhigungsmittel beenden seine inneren Dämonen. Nach 4 Wochen kommt er auf die Normalstation und darf endlich seine Kinder wiedersehen und auch Freunde dürfen ihn wieder besuchen. Den Klinikalltag vertreibt er sich mit Kreuzworträtsel, lesen und dem Auffrischen seiner Englischkenntnisse.

In den nächsten Monaten wechselt sein gesundheitlicher Zustand immer wieder. Wenn es zwei Schritte nach vorne geht, geht es einen wieder zurück. Er leidet an Ödemen, Fieberschüben, einem Perikarderguss (Flüssigkeitsansammlung im Herzbeutel) und schließlich auch an diversen Abstoßungen. Mehrmals muss er eine Cortison-Stoßtherapie über sich ergehen lassen, die jedes Mal Depressionen bei ihm auslösen. Mittlerweile ist er 8 Monate in der Klinik.

Am 15. Januar bekommt er endlich die freudige Nachricht, dass die Abstoßungen im Griff sind. Ein paar Tage danach wird er nach Hause entlassen. Im Alltag angekommen beginnt er sich eine neue Aufgabe zu suchen, als Hausarzt kann er aufgrund der Ansteckungsgefahr nicht mehr praktizieren. Er schreibt einige Artikel für Fachzeitschriften, probiert verschiedene Dinge aus. Am 15.6. nimmt er an einer 24-Stunden Segelregatta auf dem Ammersee teil. Das Ganze strengt ihn sehr an, macht ihn aber unheimlich glücklich. Voller Stolz fährt er mit dem Aufkleber der Regatta im Rückfenster seines Autos nach Hause, genießt sein Leben. Schließlich entscheidet er sich dazu, eine Fortbildung zum Psychotherapeuten zu machen und erneut eine Praxis zu eröffnen.

Aber nicht nur in dieser neuen Aufgabe findet er Erfüllung. Dr. Ullrich bereist außerdem die Welt. Er macht Europa unsicher, fliegt mehrmals nach Ägypten und Afrika. Aber auch Nepal, Thailand und Tibet stattet er einen Besuch ab. Er lebt bewusster und ist in Gedanken oft bei seinem Spender. Er fühlt sich verbunden mit ihm und ist sehr dankbar über sein neues Leben.  Er lässt auch keine Gelegenheit aus, anderen gegenüber für die Organspende zu werben. Er fühlt sich dazu verpflichtet. „Weil noch immer viel zu wenigen Menschen klar ist, wie viel Glück sie mit einer Organspende schenken können.“ so Ullrich. Wenn man ihn heute fragen würde, ob er sich wieder für eine Transplantation entscheiden würde, jetzt, da er weiß, was das bedeutet, müsste er keinen Augenblick überlegen: Er würde es wieder tun.

Anfang der 1980er überlebten die meisten Herztransplantierten ein bis zwei Jahre. Bernd Ullrichs großes Glück war die Entdeckung des Medikaments Cyclosporin, das damals die Erfolgschancen einer Transplantation enorm anhebt. Am 17. Mai 2022 hatte er seinen 39 Herzgeburtstag. Eine Zahl an geschenkten Lebensjahren, die mir Mut macht. Und wenn Dr. Ullrich dann noch bei unseren Gruppentreffen in München von seinen Erfahrungen erzählt, kann ich nur hoffen, dass mein geschenktes Herz auch einmal so „alt“ wird.

Dr. Ullrich hat über seine Herztransplantation ein Buch geschrieben:

„Herzverpflanzung – Ein Tagebuch. Ein Arzt erlebt die Transplantation als Patient“ von Bernd Ullrich und Giesela Linder, erschienen im Robert Gessler Verlag. Das Buch kann im Internet gebraucht erworben werden.

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