Steigende Organspendezahlen, die Diskussion um die Widerspruchsregelung und neue Ansätze zur Verbesserung der Organspende prägten den 22. Jahreskongress der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO).
Am 29. und 30. Oktober 2026 fand in Frankfurt am Main der 22. Jahreskongress der Deutschen Stiftung Organtransplantation statt. Die Veranstaltung zählt zu den wichtigsten jährlichen Fachtreffen rund um die Organspende und Transplantationsmedizin in Deutschland. Mit mehr als 800 Anmeldungen, davon rund 350 bis 380 Teilnehmenden vor Ort und zahlreichen weiteren online zugeschalteten Gästen, zeigte sich erneut das große Interesse an diesem wichtigen Austausch.
Auch für den Bundesverband der Organtransplantierten ist der DSO-Kongress ein fester Termin im Jahreskalender. Mitglieder des Vorstands und mehrere Regionalgruppenleiter nutzten die Gelegenheit, aktuelle Entwicklungen aus erster Hand zu verfolgen und mit Fachleuten aus Medizin, Politik und anderen Bereichen des Transplantationswesens ins Gespräch zu kommen.
Nach der Begrüßung durch die beiden DSO-Vorstände, Dr. med. Axel Rahmel und Thomas Biet, stand zunächst nicht die medizinische Statistik, sondern der Mensch im Mittelpunkt. In seiner eindrucksvollen Ansprache erinnerte der Kaufmännische Vorstand Thomas Biet daran, dass hinter jeder Organspende zwei unterschiedliche Lebenswirklichkeiten stehen: Auf der einen Seite eine Familie, die einen geliebten Menschen verliert und Abschied nehmen muss. Auf der anderen Seite ein schwer kranker Mensch, der möglicherweise schon seit Jahren auf ein lebensrettendes Organ wartet. Biet betonte, dass sich diese Schicksale nicht gegeneinander aufrechnen lassen. Eine Transplantation kann den Schmerz über den Verlust eines Menschen nicht aufheben, aber einem anderen Menschen neue Lebenszeit und Hoffnung schenken. Besonders einprägsam war sein gedankliches Bild von drei Stühlen: Auf dem ersten sitzt ein verstorbener Organspender, auf dem zweiten ein trauernder Angehöriger und auf dem dritten ein Mensch, der auf ein Organ wartet oder bereits transplantiert wurde. Diese drei Menschen, so seine Botschaft, sollten bei allen Diskussionen über medizinische Abläufe, gesetzliche Regelungen und Verbesserungen stets mit am Tisch sitzen. Gerade für transplantierte Menschen und ihre Angehörigen ist dieser Gedanke von besonderer Bedeutung. Hinter jeder Transplantation stehen persönliche Schicksale, Hoffnungen und Ängste, aber auch die Dankbarkeit gegenüber den Organspendern und ihren Familien.
Im Anschluss an die Ansprache gedachten die Kongressteilnehmenden gemeinsam der verstorbenen Organspender und der Menschen auf den Wartelisten.
Im Bericht des Medizinischen Vorstands der DSO, Dr. Axel Rahmel, standen anschließend die aktuellen Zahlen zur Organspende in Deutschland im Mittelpunkt. Die Entwicklung gibt Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Bereits 2025 war die Zahl der Organspenden gegenüber dem Vorjahr um 3,4 Prozent gestiegen. Auch die Zahl der gespendeten Organe hatte um 5,8 Prozent zugenommen. Dieser positive Trend setzte sich in den ersten neun Monaten des Jahres 2026 fort. Bis Ende September wurden bundesweit 772 postmortale Organspenden registriert. Dies entspricht einer Steigerung um 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum und bedeutet zugleich den höchsten Wert für diesen Zeitraum seit zehn Jahren. Auch die Zahl der gespendeten Organe erhöhte sich um 5,1 Prozent auf insgesamt 2.373. Trotz dieser erfreulichen Entwicklung machte Rahmel deutlich, dass Deutschland im internationalen Vergleich weiterhin deutlich zurückliegt. Die Zahl der verfügbaren Spenderorgane reicht nach wie vor nicht aus, um allen Menschen auf den Wartelisten rechtzeitig eine Transplantation zu ermöglichen. Die steigenden Zahlen sind deshalb ein wichtiges positives Signal, aber noch lange kein Grund, in den Bemühungen um eine Verbesserung der Organspende nachzulassen.
Eine weitere interessante Entwicklung betrifft das Alter der Organspender:innen. Nach den vorgestellten Zahlen liegt das mittlere Alter der Spender:innen inzwischen bei 60 Jahren. Menschen über 65 Jahre bilden mittlerweile die größte Spendergruppe. Rahmel betonte in diesem Zusammenhang erneut, dass es grundsätzlich keine feste Altersgrenze für eine Organspende gibt. Entscheidend ist vielmehr die medizinische Eignung der jeweiligen Organe. Mit dem zunehmenden Alter der Organspender:innen steigen häufig auch die medizinischen Anforderungen. Umfangreichere Untersuchungen sind notwendig, um die Eignung der Organe sicher beurteilen zu können. Insgesamt werden die Organspendeprozesse immer aufwendiger: Inzwischen dauert mehr als die Hälfte länger als 24 Stunden. Dies stellt die beteiligten Ärzt:innen, Pflegekräfte, Transplantationsbeauftragten und DSO-Koordinator vor zusätzliche Herausforderungen. Umso wichtiger sind funktionierende Strukturen und eine gute Zusammenarbeit aller Beteiligten. Ein weiterer Schwerpunkt des Kongressauftakts war die erneute politische Diskussion über die Einführung einer Widerspruchsregelung bei der Organspende. In einer Videobotschaft aus dem Bundesministerium für Gesundheit wurde die Bedeutung einer solchen Regelung hervorgehoben. Zugleich wurde betont, dass die Verbesserung der Organspendesituation eine Vielzahl unterschiedlicher Maßnahmen erfordert. Auch Dr. Rahmel widmete sich ausführlich der Frage, wie Entscheidungen zur Organspende in Deutschland zustande kommen.
Die vorgestellten Zahlen verdeutlichten ein grundlegendes Problem: Nur in etwa einem Drittel der von der DSO ausgewerteten Fälle war eine zu Lebzeiten getroffene schriftliche oder mündliche Entscheidung der verstorbenen Person bekannt. War der persönliche Wille bekannt, lag die Zustimmung zur Organspende bei nahezu 75 Prozent. Mussten dagegen Angehörige entscheiden, fiel die Zustimmungsquote deutlich niedriger aus. Besonders auffällig: War die Einstellung der verstorbenen Person zur Organspende völlig unbekannt, kam es in fast 80 Prozent der Fälle zu einer Ablehnung. Diese Zahlen zeigen, wie wichtig es ist, sich frühzeitig mit der Organspende auseinanderzusetzen, eine persönliche Entscheidung zu treffen und mit den Angehörigen darüber zu sprechen. Denn gerade in einer Situation, in der eine Familie völlig unerwartet mit dem Tod eines geliebten Menschen konfrontiert wird, kann die Frage nach einer möglichen Organspende eine enorme zusätzliche Belastung darstellen.
Rahmel verbindet mit einer möglichen Widerspruchsregelung die Hoffnung, die Organspende in Deutschland zu stärken. Zugleich könnte sie zu einem gesellschaftlichen Kulturwandel beitragen, bei dem die Auseinandersetzung mit der eigenen Entscheidung zur Organspende selbstverständlicher wird. Gleichzeitig wurde deutlich, dass eine gesetzliche Neuregelung allein nicht ausreichen wird. Auch die organisatorischen und personellen Voraussetzungen in den Krankenhäusern müssen stimmen. Welche Herausforderungen dabei bestehen, verdeutlichte anschließend Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft, in seiner Keynote. Seine Ausführungen beleuchten wir in einem gesonderten Beitrag. Neben den politischen und strukturellen Herausforderungen widmete sich der Kongress auch aktuellen Entwicklungen in der Transplantationsmedizin. Dazu gehörten neue Möglichkeiten der Maschinenperfusion zur besseren Erhaltung von Spenderorganen, der Einsatz moderner Technologien sowie Fragen der Qualitätssicherung und der Aus- und Weiterbildung.
Weitere Schwerpunkte waren die wichtige Rolle der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken, die Zusammenarbeit zwischen Krankenhäusern und die fachlichen und emotionalen Anforderungen im Organspendeprozess. Auch medizinische Register, neue Möglichkeiten der Datenanalyse, der Einsatz künstlicher Intelligenz und die Aufklärung über Organspende standen auf dem Programm. Die Themenvielfalt machte deutlich, dass medizinische, organisatorische und gesellschaftliche Entwicklungen gemeinsam vorangebracht werden müssen. Der 22. DSO-Jahreskongress machte erneut deutlich, wie vielfältig die Herausforderungen der Organspende in Deutschland sind. Die steigenden Organspendezahlen geben Anlass zur Hoffnung, doch der Bedarf an Spenderorganen bleibt groß. Neben einer möglichen gesetzlichen Neuregelung braucht es funktionierende Strukturen in den Krankenhäusern, medizinische Weiterentwicklungen, Aufklärung und eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten.
Für den Bundesverband der Organtransplantierten ist der Kongress deshalb ein wichtiger Termin, um aktuelle Entwicklungen zu verfolgen, Kontakte zu pflegen und die Perspektive transplantierter Menschen und ihrer Angehörigen einzubringen. Besonders die Botschaft der Eröffnung bleibt in Erinnerung: Hinter jeder Organspende stehen Menschen und ihre Geschichten – Menschen, die Abschied nehmen müssen, und Menschen, denen durch eine Transplantation neue Lebenszeit geschenkt werden kann. Bei allen medizinischen Fortschritten, politischen Diskussionen und statistischen Entwicklungen darf dieser menschliche Aspekt niemals aus dem Blick geraten.






Fotograf: Markus Laubvogel
