Eine außergewöhnlich berührende Geschichte über Organspende und Transplantation

Sandra Zumpfe

Die Geschichte eines Herzens von Rachel Clarke ist das beste Buch, das ich bisher über Transplantation und Organspende gelesen habe.

Die Hälfte des Buches habe ich weinend verbracht, weil es der Autorin gelingt, die Geschichte genauso zu erzählen, wie sie tatsächlich ist: tragisch, schmerzhaft und voller Trauer – und zugleich geprägt von Hoffnung, Menschlichkeit und dem Wunsch nach Leben.

Da ich selbst herz- und nierentransplantiert bin und mit einem ähnlichen Herzfehler wie Max, einer hypertrophen Kardiomyopathie, geboren wurde, konnte ich mich besonders tief in seine Geschichte und in die Ängste und Hoffnungen seiner Familie hineinversetzen. Zugleich habe ich das Gefühl, dass Rachel Clarke das Thema aus allen Perspektiven mit großer Sensibilität, viel Mitgefühl und vor allem mit Respekt beleuchtet. Genau diese differenzierte und menschliche Betrachtung fehlt mir in der heutigen Berichterstattung über Organspende und Transplantation leider häufig.

Im Mittelpunkt stehen die Geschichten von Keira und Max. In zwei parallel verlaufenden Handlungssträngen beschreibt Rachel Clarke immer wieder unterschiedliche Stationen im Leben der beiden Kinder. Diese Schilderungen wirken vollkommen authentisch, lebensnah und niemals künstlich dramatisiert.

Auf der einen Seite steht Keiras Familie, die ihr Kind auf tragische Weise verliert und in einer Situation unvorstellbarer Trauer der Organspende zustimmt. Auf der anderen Seite steht Max mit seiner Familie, die hofft, bangt und darauf wartet, dass eine lebensrettende Herztransplantation möglich wird. Gerade diese Gegenüberstellung macht auf eindringliche Weise deutlich, dass bei jeder Transplantation zwei Familien miteinander verbunden werden: eine Familie, die einen geliebten Menschen verliert, und eine andere, die auf die Rettung eines geliebten Menschen hofft.

Zwischen diesen beiden Handlungssträngen geht die Autorin immer wieder auf die medizinischen, wissenschaftlichen und rechtlichen Entwicklungen ein, die notwendig waren, um Organspenden und Herztransplantationen überhaupt zu ermöglichen. Sie beschreibt unter anderem die Entwicklung der künstlichen Beatmung, die ersten Operationen am offenen Herzen und die Entdeckung und Weiterentwicklung der Immunsuppressiva.

Darüber hinaus schildert Rachel Clarke den politischen Prozess in England, der von der Entscheidungslösung hin zu einer Widerspruchsregelung führte. Dadurch verbindet sie die persönlichen Geschichten der beiden Familien mit der medizinischen und gesellschaftspolitischen Entwicklung der Organspende.

Am Ende begleitet die Autorin das emotionale Treffen zwischen der Spenderfamilie und der Empfängerfamilie, die sich durch einen Zufall gefunden haben. Dieses Zusammentreffen ist bewegend, schmerzhaft und hoffnungsvoll zugleich. Es zeigt, dass eine Organspende den Verlust nicht ungeschehen machen kann, aber dennoch neues Leben ermöglicht und Menschen auf eine ganz besondere Weise miteinander verbindet.

Ich kann dieses Buch wirklich jedem empfehlen: Transplantierten und ihren Angehörigen, Menschen, die über Organspende nachdenken, medizinischem Fachpersonal – aber auch denjenigen, die Organspende immer wieder mit Begriffen wie „Ausschlachten“ verbinden oder behaupten, potenzielle Organspender würden medizinisch schlechter versorgt.

Allein die Schilderung von Keiras Organentnahme macht deutlich, mit welcher Würde, Sorgfalt und Achtung mit einer Organspenderin und ihrer Familie umgegangen wird. Sie sollte auch den letzten vernünftigen Kritiker dazu bringen, solche Vorurteile zu überdenken.

Die Geschichte eines Herzens ist kein leichtes Buch. Es tut weh, es macht traurig und es fordert seine Leserinnen und Leser emotional heraus. Aber genau deshalb ist es so wichtig. Es erzählt ehrlich von Tod, Trauer und Verlust – und gleichzeitig von Hoffnung, medizinischem Fortschritt und der lebensrettenden Kraft der Organspende.

Quelle: Eichborn Verlag
Autorin Rachel Clarke

Dr. Rachel Clarke ist Autorin und Ärztin für Palliativmedizin. Sie hat drei Sunday-Times-Bestseller geschrieben und war unter anderem für den Costa Biography Award und den Baillie Gifford Prize nominiert. Vor ihrem Medizinstudium arbeitete Clarke als Journalistin beim Fernsehen. Ihre Texte erscheinen u. a. im Guardian, in der New York Times und der Sunday Times. 2025 wurde sie mit dem Women’s Prize For Non-Fiction ausgezeichnet. Rachel Clarke lebt in Oxfordshire.

Quelle: Eichborn Verlag