08.12.2016

29. NTX-Kolloquium UKGM Gießen am 24.11. 2016

Am 24. November 2016 fand im UKGM-Standort Gießen das 29. Nierentransplantationskolloqium statt. Nach der Begrüßung durch Herrn Prof. Dr. Weimer, den Leiter des Nierentransplantationszentrums der Uniklinik Gießen, gab Frau Köhler aus dem Administrationsbüro des Uniklinikums Gießen einen Überblick über den zahlenmäßigen Verlauf der am Uniklinikum Gießen durchgeführten Transplantationen.

Im Jahre 2015 wurde demnach 11 Kindern ein neues Herz verpflanzt, 13 Patienten erhielten eine neue Lunge, davon 11 eine Doppel-und 2 eine Einzellunge und 26 Menschen erhielten eine neue Niere, wobei sich hier die Zahlen auf 14 Lebendspenden (davon 3 ABO-inkompatibel) und 12 postmortale Spenden aufteilen.

Im Moment stehen im Uniklinikum Gießen 7 Kinder auf der Warteliste für ein neues Herz, 52 Patienten warten auf eine neue Lunge und 109 auf eine neue Niere.

Transplantiert wurden im Zeitraum zwischen dem 1. Januar und dem 15. November dieses Jahres bisher 9 Kinder, die ein neues Herz bekamen, 12 Patienten, die eine neue Lunge bekamen und 25 Patienten, die eine neue Niere bekamen, davon 14 Lebendspenden und 11 postmortale Spenden.
Nach diesem interessanten Einblick berichtete die Transplantationsbeauftragte der Uniklinik, Frau Moos, über die Lage der Organspende allgemein und auch über ihre Arbeit vor Ort. Sie erzählte über eine Befragung, bei der über 80% der Befragten der Organspende positiv gegenüber standen, dennoch sind die Spenderzahlen seit einigen Jahren rückläufig. Deutschland
bildet sogar im internationalen Vergleich das Schlußlicht mit den wenigsten Spendern. Aber nicht nur das Vertrauen muss gestärkt werden, sondern auch an anderer Stelle muss angesetzt werden. Spanien hat z.B. einen ganz anderen Umgang mit dem Thema gefunden, was sich in hervorragenden Spenderzahlen äußert. Herrr Dr. Matesanz, ein spanischer Nephrologe und Direktor der National Transplant Organisation (ONT) hält es ausschließlich für eine Frage der Organisation der Krankenhäuser.
Die Aufgaben eines Transplantationsbeauftragten sind vielfältig. Zum einen sollte er genügend Zeit bekommen, seine vielfältigen Tätigkeiten ausführen und an Fortbildungen teilzunehmen zu können. Wichtig ist, potentielle Spender zu erkennen. Die Uniklinik Gießen ist ein Haus der Maximalversorgung und hat 9 Intensivstationen. Auf jeder können Patienten liegen, die als Spender in Frage kommen könnten, sodass z.B. Frau Moos diese Stationen immer wieder besuchen muss, um sich Patienten anszusehen. Untersuchungen müssen durchgeführt und die Gespräche mit den Angehörigen geführt werden, wobei es in dieser schwierigen Situation natürlich auf das nötige Feingefühl ankommt.

Herr Walter vom Nierentransplantationsszentrum der Uniklinik Gießen referierte danach über das Thema „Chronische Hepatitis E nach Nierentransplantation“.
Er stellte dabei den Fall eines 68 jährigen Nierentransplantierten vor. Dieser kam mit verschiedenen Beschwerden in die Klinik, so hatte er u.a. erhöhte Leberwerte. Bis zum nächsten stationären Aufenthalt drei Monate später hatte er 10kg Gewicht verloren, die Milz vergrößerte sich und eine Gastritis wurde festgestellt. Es stellte sich außerdem heraus, dass er eine CMV-Infektion hatte
(Cytomegalievirus), aber auch positive Anti HEV-IgG und Anti-HEV-IgM (1) konnten im Blut nachgewiesen werden.
Es wurde dann mit Ribavirin und Valcyte begonnen. Beim nächsten stationären Aufenthalt zwei Monate später hatte sich die Funktion des Transplantats verschlechtert, hinzu kamen Müdigkeit, Abgeschlagenheit und abdominelle Schmerzen. Im CT zeigte sich ein paralytischer Ileus (2) im Rahmen einer Urosepsis (3). Ab da gab es immer wieder regelmäßige Klinikaufenthalte, bei der sich erhöhte Ammoniakwerte, eine zunehmende Somnolenz (4) und eine hohe Viruslast trotz Ribavirin zeigte. Die Immunsuppressiva wurden reduziert und es wurde versucht, die Ammoniakwerte zu senken. Eineinhalb Jahre nach den ersten Symptomen hatte der Patient dann eine Leberzirrhose aufgrund der Hepatitis E. Ein erneutes Versagen der transplantierten Niere musste behandelt werden. Der jetzige Stand ist, dass der Patient einen massiven Aszites (5) hat.

Im nächsten Vortrag ging Herr Dr. Discher, Oberarzt mit dem Schwerpunkt Infektologie im Uniklinikum Gießen, auf das Thema „Hepatitis E bei Immunsuppression“ ein.
Er erzählte, dass Hepatitis E früher vor allem in den Tropischen und Subtropischen Gebieten bekannt war. Erst in den letzten 10 Jahren kommt es zu immer mehr Meldungen auch in Europa und Deutschland. Vom Hepatits-E-Virus (HEV) sind 5 Genotypen bekannt, wobei in Europa überwiegend der Genotyp 3 vorgefunden wird. Die Genotypen 1 und 2 kommen vor allem in Afrika und Asien vor, und werden auch von Mensch zu Mensch per Kontaktinfektion oder Schmierinfektion (oral/fäkal) übertragen. Hier gilt als Infektionsquelle vor allem das Trinkwasser.
Die Genotypen 3 und 4 werden vor allem über (nicht ausreichend gegartes oder rohes) Schweinefleisch übertragen (Zoonose) und selten über Blut. Die Inkubationszeit beträgt zwischen 15 und 64 Tagen.
In Deutschland haben ca. 16,8% der Untersuchten Antikörper im Blut, d.h. dass sie schon einmal mit dem Virus in Kontakt gekommen sind. Besonders gefährlich ist er für Schwangere, bei denen die Sterblichkeit nach einer Infektion ca. 25% beträgt. Eine Zunahme gibt es vor allem bei älteren
Menschen, aber auch für Immungeschwächte kann das Virus gefährlich werden. Das Risiko für einen chronischen Verlauf nach der Transplantation liegt bei 50%, außerdem kann eine Leberzirrhose entstehen.
Bei Transplantierten ist eine Diagnostik oft schwer, weil das Blut langsamer reagiert. 25% der Infizierten waren HEV negativ, aber zu 100% RNA positiv, weshalb man auf diesen Wert achten sollte. Folgende Parameter sollten bei einer akuten Infektion positiv sein: Anti-HEV-IgM und HEVRNA in Blut und Stuhl. Bei einer chronischen Infektion wären es Anti-HEV-IgG und HEV-RNA in
Blut und Stuhl.
Ribavirin als Monotherapie ist eine gute Option. Die Immunsuppressiva sollten umgestellt oder reduziert werden. Ist der Virus länger als 3 Monate aktiv, gilt die Infektion als chronisch.

Zum Schluß berichtete Frau Prof. Dr. Sester, Leiterin der Abteilung für Transplantations- und Infektionsimmunologie der Universität des Saarlandes, Homburg/Saar, ausführlich über das Thema „Infektologische Diagnostik vor und nach Transplantation“.
Nach einer Transplantation kann es auf drei verschiedenen Wegen zu einer Infektion kommen. Zum einen durch eine Reaktivierung bereits vorhandener Viren, durch eine Spender-assoziierte Reaktivierung, d.h.dass der Spender einen Virus hatte, den nun der Organempfänger durch die Übertragung erhält, oder durch eine von außen kommende Infektion.
Wichtig ist, vor der Transplantation eine Erhebung bzw. Komplettierung des Impfstatus vorzunehmen. In den ersten 3-6 Monaten nach der Transplantation ist die Immunantwort sehr niedrig, sodass eine Impfung nicht sinnvoll ist. Danach sind Lebendimpfstoffe kontraindiziert und nur Totimpfstoffe zugelassen. Auch Kontaktpersonen sollten auf eine umfangreiche Impfung
achten, z.B. gegen Herpes Zoster, gegen den es aber evtl. bald außer dem Lebendimpfstoff auch einen Totimpfstoff geben wird.
Ein wichtiger Virus nach Transplantation ist der CMV (Cytomegalievirus). Das Risiko einer Ansteckung ist besonders hoch, wenn der Spender positiv war und eher niedrig, wenn Spender und Empfänger negativ sind.
Ein anderes Virus ist das BKPyV. Es ist wichtig, Antikörper-Titer zur Abschätzung viraler Komplikationen zu bestimmen. Ein hoher Titer beim Spender und ein niedriger beim Empfänger sorgen für ein besonders hohes Risiko einer Ansteckung.
Die konventionelle Therapie sieht eine Behandlung nach Ausbruch von Symptomen vor, nach einer Transplantation ist aber eine Prophylaxe sinnvoll. Währenddessen ist eigentlich kein ErregerMonitoring nötig, erst nach Absetzen der Prophylaxe.
Ansonsten sollten folgende Maßnahmen zur Therapie gehören: Monitoring zur Steuerung der antiviralen und antibakteriellen Therapie und Monitoring zur Anpassung der Immunsuppressia.

Anschließend ging Frau Prof. Dr. Sester noch auf das Thema T-Zellen-Immunität als Alternative zur Serologie ein.

Aufgrund der vorangeschrittenen Zeit fiel der letzte Vortrag von Herrn Prof. Dr. Weimer etwas kürzer aus.
Es war ein informativer Nachmittag, an viele interessante Fakten zur Sprache kamen.

Andrea Dorzweiler, 02.12.2016

 

Begriffserklärung:

(1) Der Nachweis von HEV-Antikörpern erfolgt mittels ELISA im Blut der Labormedizin unterscheidet man zwei Untersuchungswerte:
• Anti-HEV-IgM
• Anti-HEV-IgG
Im akuten Erkrankungsstadium sind beide Antikörper-Subtypen positiv. Anti-HEV-IgM ist bis zu 6 Monaten nach dem Ausbruch der Erkrankung nachweisbar. Anti-HEV-IgG wird im Gegensatz dazu lebenslang vom Immunsystem gebildet. Ohne gleichzeitigen Nachweis von IgM spricht es für eine durchstandene Infektion. Werden weder Anti-HEV-IgM noch Anti-HEV-IgG nachgewiesen, schließt das eine Hepatitis E weitgehend aus. Ein isolierter Nachweis von Anti-HEV-IgM ist unspezifisch.
Quelle:http://flexikon.doccheck.com

(2) Ein lähmender Darmverschluss. Ein paralytischer Ileus hat seine Ursache in einer Lähmung der Darmmuskulatur.
Quelle: onmeda.de

(3) Eine Urosepsis ist eine systemische Entzündungsreaktion des gesamten Organismus infolge einer von den Harnwegen ausgehenden bakteriellen Infektion.
Quelle: symptomat.de

(4) Abnormale Schläfrigkeit, Benommenheit.

(5) Der Aszites, umgangssprachlich auch Bauchwassersucht, ist eine pathologische Flüssigkeitsansammlung in der freien Bauchhöhle.
Quelle: wikipedia

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